Proaktivität

In der heutigen Folge möchte ich mit dir über das Thema Proaktivität sprechen. Das Wort Proaktivität leitet sich aus dem Griechischen pro (bevor) und dem Lateinischen activus (tätig) ab. Es spricht also vom vorausplanenden Handeln. Gemäß Duden bedeutet proaktiv, durch differenzierte Vorausplanung und zielgerichtetes Handeln die Entwicklung eines Geschehens selbst bestimmen und eine Situation herbeiführend. Im Duden findet sich das Wort erst seit 2003. In Deutschland eingeführt wurde der Begriff 1946 von Viktor E. Frankl. Auf den möchte ich gerne am Ende des Podcasts noch einmal zu sprechen kommen. Mittlerweile findet man das Wort an vielen Stellen, vor allem in Stellenanzeigen, wo es quasi eine Grundvoraussetzung für jeden Menschen ist, um eine Arbeit zu finden und in der Werbung, wo man etwas proaktiv für seine Gesundheit, seine Rente oder sonstiges machen soll.

Das Gegenteil von proaktiv ist reaktiv. Sprich, wir reagieren auf eine Situation. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist proaktiv sehr positiv geprägt und reaktiv oft negativ.

Wobei ich ganz klar sagen möchte, dass proaktiv nicht immer positiv und reaktiv nicht immer negativ ist. Ich habe mich das erste Mal intensiver mit dem Thema Proaktivität auseinandergesetzt, als ich das Buch von Stephen R. Covey „Die sieben Wege zur Effektivität“ gelesen habe. Dort beschreibt Covey Proaktivität als einen Unterschied zwischen dem Einflussbereich und dem Interessenbereich. Stelle dir den Interessenbereich als einen großen Kreis vor, in dem alles drin ist, was dich interessiert. Sei es die amerikanische Politik, die Börse oder auch dein Familienleben. Auf einen Großteil des Interessenbereichs hast du leider überhaupt keinen Einfluss. Und den Teil, auf den wir einen Einfluss haben, den nennen wir Einflussbereich. In unserem Fall also dein Familienleben.

Außer du bist wirklich bedeutend und hast große Einflussnahme auf die amerikanische Politik oder auf den DAX. Falls ja, schreibe mir auf jeden Fall eine Nachricht auf Instagram. Covey hat den Einflussbereich so definiert, dass er ein Teil des Interessenbereichs ist und vor allem der Teil ist, auf den wir uns konzentrieren sollten. Wenn wir also innerhalb unseres Einflussbereichs gerne die amerikanische Politik haben möchten, dann sollten wir prüfen, was wir genau machen müssen, um unseren Einflussbereich so weit auszudehnen, dass er diesen Bereich auch mitabdeckt. Und hier ist für mich auch schon das größte Learning oder der größte Einsatzzweck von Proaktivität zu finden. Wenn ich mich darauf konzentriere, was ich selber verändern kann und mich nicht darauf fokussiere, was andere für mich verändern können, dann komme ich ins Handeln, dann habe ich die Macht über mich und mein Tun. Ich sitze dann sozusagen im Fahrersitz meines Lebens. Ich finde das Beispiel mit dem Auto und den Fahrersitzen sehr einprägsam.

Wenn ich auf dem Beifahrersitz sitze, dann bin ich komplett abhängig von dem, der steuert und lenkt. Er hat die Möglichkeit, mich sicher ans Ziel zu bringen, aber er hat auch die Möglichkeit, mich zu verunfallen oder mich an eine ganz andere Stelle zu bringen. Ich selber habe fast keine Möglichkeit. Wenn ich allerdings selber am Steuer sitze, dann habe ich die Macht. Auch dann kann ich immer noch selber einen Unfall bauen, was schlecht ist für mich und alle um mich herum, aber immerhin bin ich dann selber dran schuld. Wenn du dir jetzt vorstellst, dass du in einem Auto bist, das dein Leben darstellt, möchtest du dann lieber im Fahrersitz sitzen oder auf dem Beifahrersitz mitfahren? Wenn du dir jetzt denkst: mitfahren ist doch eigentlich auch ganz schön, ich muss nichts machen, ich kann aus dem Fenster schauen und mich darüber beschweren, wie der andere fährt, dann hast du damit natürlich recht. Leider musst du dann eben auch dorthin gehen, wo der andere hin will. Und du hast keine Einflussnahme mehr. Ich gehe davon aus, dass die meisten meiner Zuhörer zu denen zählen, die selber fahren wollen. Jens Corssen hat das in seinem Buch „Der Selbst-Entwickler“ mit den Worten „ich bin hier, hier will ich sein“ beschrieben. Sprich, die Situation, in der ich mich heute und aktuell befinde, ist genau die Situation, in der ich sein will. Vielleicht denkst du jetzt: wie, ich will in dieser Situation sein? Ich habe einen schlechten Job, meine Familie ärgert mich und mich Freundin hat mich gerade verlassen. In der Situation will ich auf keinen Fall sein.

Falsch, genau in dieser Situation wolltest du sein. Denn du hast mit deinen Handlungen genau dafür gesorgt, dass das passiert ist. Und wenn du das nicht möchtest, wenn du etwas ändern willst, dann ist es an dir zu handeln. Und das bedeutet für mich Proaktivität. Dass ich etwas machen möchte, wenn ich möchte, dass sich etwas verändert. Nicht, dass ich da sitze und darauf warte, dass jemand anderes mich entwickelt. Sondern ich muss mich selbst entwickeln. Ich übernehme selbst die Verantwortung für mein Handeln und mein Glück.

Und jetzt ist mir ein kleiner Fauxpas passiert. Denn ein Zeichen von Proaktivität erkennt man ganz leicht in der Sprache. Man verwendet nicht mehr das Wort „müssen“. Denn wenn wir ehrlich sind, wir müssen quasi nichts. Am Ende müssen wir vermutlich sterben. Aber außer dem, wozu wir gezwungen sind.

Und auch wenn das nur eine ganz kleine Sache zu sein scheint, kann sie doch eine große Auswirkung auf unser tägliches Leben haben. Versuche einfach mal für die nächsten zwei Wochen auf das Wort „muss“ so oft wie es geht nur zu verzichten und versuche stattdessen das Wort „dürfen“ oder „sollen“ zu verwenden.

Wenn du dich besonders beliebt in deinem Umfeld machen möchtest, dann korrigiere auch alle anderen. Ich habe das getan, das kommt immer super gut an. Aber Spaß beiseite. Wenn du auf das Wort „muss“ verzichtest, dann machst du dir damit immer selbst klar, dass du die Option hast, das zu tun oder auch nicht. Und ab dem Zeitpunkt, wo ich selber die Möglichkeit habe, ist das meiste nicht mehr so schlimm, wie es scheint. Ein Beispiel: ich stehe im Stau. Ich muss also da stehen. Falsch. Ich möchte da stehen oder ich darf da stehen. Denn, ganz ehrlich, wenn ich mich anders entscheide, dann kann ich immer noch rechts irgendwie über die Felder rausfahren und davondüsen. Wenn es mir wirklich wichtig ist, dann habe ich diese Möglichkeit. Meistens sind mir die Kosten, die daraus entstehen, deutlich zu hoch. Aber ich habe die Möglichkeit. Und alleine dieses Wissen, dass ich eine Option habe, macht mir das Stehen im Stau deutlich einfacher und erträglicher.

Das, und die Tatsache, dass es natürlich sehr viele gute Podcasts und Hörbücher gibt, mit denen ich mir das Warten versüßen kann. Wenn ich also damit anfange, meine Sprache zu verändern, verändere ich damit auch meine Gedanken. Dadurch verändert sich mein Handeln und dadurch verändert sich am Ende auch meine Identität. Wie du gerade an meinem verbalen Ausrutscher gemerkt hast, ist das allerdings ein fortlaufender Prozess, der wenigstens für mich nicht so schnell abgeschlossen ist. Ich versuche seit mehr als fünf Jahren auf das Wort „muss“ zu verzichten und es gelingt mir immer öfters, aber nicht immer. Sei daher auch du geduldig mit dir.

Was ist jetzt aber der praktische Nutzen davon? Außer, dass ich mein Umfeld super nerven kann, indem ich sie ständig korrigiere? Das, auf das „Muss“ zu verzichten. Der praktische Nutzen liegt darin, dass das, auf was ich meinen Fokus lenke, darauf lenke ich auch meine Energie. Wenn ich also meine Energie und meinen Fokus ständig auf meinen Interessenbereich lenke, dann verpufft meine Energie dort. Ich fühle mich zunehmend wie ein Opfer und habe den Eindruck, ich kann selbst nichts steuern. Und hier kann ich dann auch ansetzen. Auf was kann ich verzichten, was mir selbst keinen Mehrwert bringt, weil es nicht in meinem Einflussbereich liegt? Ich selbst habe vor zwei Jahren damit aufgehört, normale Nachrichten zu lesen und zu hören. Das bedeutet, keine Tagesschau, kein Morgenmagazin, keine Zeitung. Am Anfang hatte ich große Angst davor, dass ich nicht mehr mitbekomme, was auf der Welt passiert. Mittlerweile weiß ich, alles, was wirklich wichtig ist, bekommt man auch so mit.

Und alles andere, ne, ich hatte eh keinen Einfluss darauf, also war es für mich auch nicht so wichtig. Die Zeit, die dabei frei geworden ist, habe ich genutzt, um mich mehr mit Fachthemen zu beschäftigen. Mit meiner persönlichen Weiterentwicklung und mit Nachrichten, die ich für meine Arbeit gebrauchen konnte. Ich möchte gar nicht sagen, dass das für dich auch der richtige Weg ist. Aber ist auf jeden Fall eine Idee, über die man einmal nachdenken kann und die dich vielleicht auch dazu bringt, etwas anderes zu finden, auf das du verzichten kannst. Gleichzeitig kann ich mir auch überlegen, auf was ich auf gar keinen Fall verzichten möchte. Und all diese Punkte, wo ich nicht darauf verzichten möchte, dort sollte ich mir gut überlegen, ob ich einen Einfluss darauf habe oder nicht. Bei mir war es so, dass ich, obwohl ich mich für Nachrichten nicht mehr interessiert habe, ich mich aber mit dem Thema Kommunalpolitik auseinandergesetzt habe, weil ich dort den Eindruck hatte, dass ich etwas bewegen kann. Vielleicht nur auf kleiner Ebene, aber immerhin hatte ich eine Einflussmöglichkeit und konnte etwas bewegen. Leider war es auf Dauer nichts für mich, weil ich einfach zu ungeduldig bin dafür. Und als ich dann gemerkt habe, dass ich auch dort nur noch meinen Interessenbereich habe und nicht mehr meinen Einflussbereich, habe ich auch die Kommunalpolitik sein lassen. Ein anderer ganz praktischer Einsatzzweck ist das Bewusstmachen von Optionen. Wenn ich morgens im Bett liege, aufgewacht bin und mir denke: oh nein, ich muss heute schon wieder zur Arbeit. Dann ist es eine wunderbare Sache, sich zu bewusst zu machen, dass ich überhaupt nicht zur Arbeit gehen muss. Ich kann einfach liegen bleiben und den ganzen Tag im Bett verbringen.

Da ich in Deutschland lebe, kann mir dadurch fast nichts passieren. Was ist das schlimmste, was mir passiert? Ich verliere meinen Job und das Sozialsystem wird mich auffangen. Dann habe ich sicher nicht mehr alle Annehmlichkeiten, die ich heute habe, aber es geht mir immer noch besser als 95 Prozent der Menschen auf diesem Globus. Und wenn ich dann da liege und mir bewusst gemacht habe, dass ich nicht zur Arbeit geben muss, sondern zur Arbeit gehen darf oder zur Arbeit gehen kann, dann ist es deutlich einfacher, mich morgens aus dem Bett zu schälen, unter die Dusche zu springen und mich auf den Weg zur Arbeit zu begeben.

Wenn ich dort ankomme und mir denke: oh, jetzt muss ich schon wieder mit der nervigen Kollegin von nebenan sprechen und ich mir klarmache, dass ich auch das nicht machen muss, sondern dass ich sie einfach ignorieren kann, ich kann ihr sagen, dass ich nicht mit ihr sprechen möchte und mich dann aber trotzdem bewusst dafür entscheide das zu machen, dann tut mir auch das gut, denn ich weiß, ich habe die Option, ich habe die Macht, das zu verändern.

Der letzte Punkt, auf den ich jetzt eingehen möchte, sind frustrierende Probleme, die mich beschäftigen und die mich belasten.

Ich habe eine Aufgabe für dich. Schreibe alle diese frustrierenden Probleme einmal auf und schreibe dahinter, ob ich sie verändern kann oder ob nur jemand anderes die verändern kann. Bei allen Problemen, bei denen ich denke, dass ich keine Möglichkeit habe, diese zu beeinflussen, die lasse ich erstmal außen vor und konzentriere mich auf die Themen, bei denen ich eine direkte Einflussmöglichkeit habe.

Direkt hinter das Problem schreibe ich den nächsten Schritt zur Lösung auf. Und dann fange ich an zu handeln. In einer der nächsten Folgen möchte ich dir erklären, wie du solche Probleme in kleine, überschaubare Brocken runterbrechen kannst, damit du sie ganz leicht bewältigst. Vorerst reicht es aber auch, wenn du einfach nur mit dem ersten Schritt anfängst und diesen umsetzt. Und danach den nächsten Schritt und noch einen Schritt und noch einen Schritt.

Das ist übrigens auch die Variante, wie man einen Marathon läuft. Einen Schritt nach dem anderen. Habe ich auf jeden Fall gehört, weil ich bin selber noch nie einen Marathon gelaufen. Und an dem letzten Wort „geloffen“ merkt man dann auch, dass ich aus Schwaben komme. Wenn du jetzt Lust hast, dich mit dem Thema Proaktivität weiter zu beschäftigen, möchte ich dir ein paar Tipps geben. Der erste ist von Tommy Jaud „Einen Scheiß muss ich“. Das ist die eher humoristische Variante, sich mit dem Thema anzunähern. Etwas ernster, aber dennoch sehr unterhaltsam sind die Werke von Jens Corssen, „Der Selbst-Entwickler“ und Stephen R. Covey „Die sieben Wege zur Effektivität“. Zwei meiner absoluten Lieblingsbücher. Dann möchte ich dir noch den Podcast von Christian Bischoff empfehlen „Die Kunst, dein Ding zu machen“. Dort wird auch immer wieder auf das Thema Proaktivität eingegangen.

Als letztes wäre dann noch: „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ vom anfangs erwähnten Viktor E. Frankl. Frankl war Jude während des Dritten Reichs und kam ins KZ, genauer gesagt in vier KZs, die er alle überlebte. In dieser Zeit macht er Beobachtungen, wie trotz ungeheurem Leid und schlimmsten Umständen Menschen immer wieder Wege fanden, mit der Situation umzugehen. Er selbst versuchte auch ständig, proaktiv zu bleiben, also im Fahrersitz des Lebens zu sein und das unter den schlimmsten Umständen, in einem KZ. 1945 wurde Frankl von den US-Amerikanern befreit. Und 1946 verarbeitete er seine Erlebnisse in dem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Daraus hat er später die Logotherapie entworfen. Eine Therapieform, die vom innersten des Menschen ausgeht. Warum habe ich jetzt die Geschichte von Frankl ans Ende des Podcasts gestellt? Nicht, um dich runterzuziehen, sondern um dir zu zeigen: wenn Frankl es geschafft hat, in einem KZ proaktiv zu bleiben, unter diesen unglaublich widrigen Umständen, dann schaffst auch du das mit deinem Chef, mit deiner Frau, Freundin oder deinen Kindern oder den nervigen Kollegen auf der Arbeit. Und jetzt komm ins Handeln, setze dich in den Fahrersitz und warte nicht darauf, dass jemand für dich das Steuer übernimmt.

Freue dich mit mir zusammen auf die nächste Folge und schalte dann gerne wieder ein. Wenn dir die Folgen bisher gut gefallen haben, dann sage es allen. Wenn es dir nicht gefallen hat, dann sage es bitte nur mir. Am besten per Private-Message auf Instagram. Jetzt würde ich mich sehr über einen Kommentar von dir freuen und wenn du den Podcast abonnieren würdest. Ich wünsche dir eine tolle proaktive Zeit. Bis bald, dein Daniel. Ciao.

Daniel Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Markus
    April 2, 2020
    Antworten

    Hallo Daniel,

    Schön Dein Projekt in der Umsetzung zu sehen.

    Ich habe mir gerade deinen Podcast Proaktivität angehört. Auch wenn mein Nachwuchs mich manchmal abgelenkt hat, konnte ich doch meistens Folgen;) Ich finde Du sprichst sehr angenehm. Und ich höre ihn nacher in Ruhe nochmal, weil ich will, nicht weil ich m..s 😉
    Du erwähnst am Ende noch Podcast die du empfiehlst, aber ich konnte keinen Verweis/Link dorthin finden, würde dass selbst aber als Angenehm empfinden.

    Bis Bald

    Markus aus Nufringen

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